Wie man weltweit gekonnt flucht

Wie man weltweit gekonnt flucht

Fluchen ist tatsächlich eine eigene Wissenschaft. Wissen Sie, wie in anderen Kulturen bevorzugt geflucht und geschimpft wird? Nein? Dann lesen Sie weiter ...

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Vor einigen Wochen bin ich per Zufall (ich schwör’s!) auf einen 30 Jahre alten Artikel mit dem Titel „Fluchen in aller Welt“ gestoßen. Neugierig begann ich zu lesen und staunte nicht schlecht …

Die Wissenschaft der Malediktologie

Es gibt allen Ernstes den Beruf eines Malediktologen. WTF? Die Malediktologie, also die Schimpfwortforschung, beschäftigt sich, wie der Name schon verrät, mit dem Fluchen und Schimpfen und ist ein Zweig der Psycho- und Soziolinguistik. Der Begründer dieses Forschungszweiges war 1973 der deutschstämmige Philologe Reinhold Aman, dessen Lebenswerk Fluch-Gewohnheiten in ca. 220 Sprachen erfasst.

Fluchen als individuelle Spracheigenheit

Ihnen ist bestimmt schon einmal aufgefallen, dass unterschiedliche Nationalitäten ganz anders fluchen. Jede Kultur hat ihre individuellen Spracheigenheiten und auch das Fluchen und Schimpfen ist ein wichtiger Bestandteil einer Sprache.

Jede Kultur hat ihre individuellen Spracheigenheiten und auch das Fluchen und Schimpfen ist ein wichtiger Bestandteil einer Sprache.

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Aman, der seiner Forschungsarbeit übrigens in Amerika nachging, teilte die Welt nach seinen Forschungsergebnissen ein. In katholischen Ländern werde vor allem blasphemisch beschimpft, in protestantischen überwiegend sexuell und exkrementell, in der restlichen Welt (hier fasste er Afrika, Asien und die Südsee zusammen) würden Familienmitglieder beschimpft. Seine Theorie besagt, dass jeweils das größte Tabu zum Schimpfen und Beleidigen benutzt wird.

Viele Jahre später. Der Sprachforscher Hans-Martin Gauger recherchiert 2012 für sein Buch „Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache.“, wie andere Nationalitäten fluchen. In einem Interview mit Spiegel Online fasst er sprachwissenschaftliche, kulturgeschichtliche und philosophische Aspekte zusammen.

Alles Scheiße oder was?

Wenn Österreicher, Deutsche und Schweizer schimpfen und beleidigen, spiele sich das normalerweise auf exkrementeller Ebene ab, während unsere Nachbarn von Portugal über Holland bis zur Türkei meistens ins Sexuelle abdrifteten. Die Schweden schimpften vielfach religiös und die Franzosen sowohl sexuell als auch exkrementell, wobei Letzteres vermutlich ein Erbe der germanischen Franken sei. Für Gauger scheint es unklar, woher diese Unterschiede kommen: Zufall oder eine linguistische Entwicklung noch aus der Zeit des frühen Mittelalters?

Zurück zu den deutschsprachigen Nationen: Die Tendenz zum fäkalen Fluch lässt sich nicht verleugnen. Als Universalschimpfwort muss Scheiße herhalten und das in allen Formen und Varianten, nicht nur als Interjektion (Scheiße!), sondern auch als Teil von Adjektiven (scheißegal) und Substantiven (Scheißwetter).

Gauger führt im Interview aus, dass wir Deutschsprachigen allmählich unseren fäkalen Sonderstatus punkto Fluchen aufgeben und uns der restlichen Welt annähern. So wird auch bei uns das böse F-Wort in den Mund genommen und Dinge sind nicht nur beschissen. Allerdings wirkt der Gebrauch von sexuellen Beleidigungen für unser Empfinden extrem vulgär und ist noch lange nicht „gesellschaftstauglich“.

Anders zum Beispiel in Holland. Dort verwendet man am liebsten genital-sexuelle Ausdrücke, um Unmut zu äußern. Situationen sind im Niederländischen kut (Vagina) oder klote(Hodensack).

Jetzt mal unter uns, woran denken Sie, wenn Ihnen etwas scheißegal ist oder Sie sich über dasScheißwetter auslassen? Doch nicht wirklich an einen Haufen Sch… Mist. Genauso wenig haben Holländer beim Fluchen und Schimpfen den entsprechenden Körperteil vor Augen. Die Begriffe sind im jeweiligen Kulturkreis in der Regel völlig losgelöst von der Ursprungsbedeutung.

Fluch-Anekdoten

Die Welt des Fluchens steckt jedenfalls voller Überraschungen und spannender Anekdoten und es ist nicht einfach, sprachlich korrekt plurilingual zu beleidigen und zu fluchen.

Sie könne sich vermutlich erinnern, wie der italienische Verteidiger Marco Materazzi den französischen Fußball-Star Zinédine Zidane einst zur Weißglut trieb? Er brachte – verbal – dessen Schwester mit ins Spiel, wenn Sie verstehen, was ich meine. Unüblich in unserem (deutschsprachigen) Umfeld, oder? Noch schockierender wäre für uns wohl die in anderen Kulturkreisen übliche Beleidigung der Mutter. Wir Deutschsprachigen würden uns vermutlich mit einem direkten „Du A …“ begnügen. „Wir“, das sind laut Gaugler wohlweislich vor allem Männer, die sich zu verbalen Attacken hinreißen lassen. Aus eigener Erfahrung möchte ich an dieser Stelle allerdings anmerken, dass wir Frauen uns durchaus zu einem Fluch hinreißen lassen, aber meistens nur dann, wenn wir keine Zuhörer haben. (Zum Glück ist in meinem Auto kein Aufnahmegerät eingebaut!)

Fluchen in der Muttersprache

Nach meiner Beobachtung ist es für Menschen, die sich in einem anderen Kulturkreis ansiedeln und eine neue Sprache lernen, nicht ganz einfach, ihre Gefühle in der Fremdsprache auszudrücken. Ob Freude, Ärger, Angst oder Wut – all diese Emotionen lassen sich am besten in der Muttersprache denken, fühlen und zum Ausdruck bringen. Selbst wenn man nach einiger Zeit die neue Sprache richtig gut beherrscht, fällt man in emotionalen Momenten, wie eben auch beim Fluchen, in den meisten Fällen unwillkürlich in die Muttersprache zurück.

Buchtipp

Zum Abschluss noch ein Buchtipp: Falls Sie Gefallen an diesem Thema finden und sich diesbezüglich weiterbilden wollen, sei Ihnen das unterhaltsame Werk des Literaturwissenschaftlers Rolf-Bernhard Essig ans Herz gelegt. In „Holy Shit!: Alles übers Fluchen und Schimpfen“ setzt sich Essig mit viel Witz damit auseinander, was Fluchen magisch und den Tabubruch zum Vergnügen macht.

Birgit Bauer - bildungsraum

Über die Autorin

Birgit Bauer ist Gründerin, Inhaberin und Geschäftsführerin von bildungsraum. Sie ist davon überzeugt, dass eine gelungene Kommunikation, Sprachkompetenz und Verständnis für fremde Kulturen der Schlüssel zum privaten und beruflichen Erfolg sind.

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Bildquelle: Beitragsbild ©Ints/Fotolia.com

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