Wie unsere Bilder-Sprache das Denken und Fühlen beeinflusst

Bilder-Sprache

Sprache ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation, sie beeinflusst auch ganz prinzipiell unser Denken und Fühlen. Sie bedient sich immer Bildern – und sich diese bewusst zu machen und gezielt einzusetzen, macht Spaß.

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Das lässt sich ganz leicht überprüfen, indem man die eigenen Assoziationen zu bestimmten Worten überprüft: Welche Bilder kommen Ihnen etwa spontan beim Wort „Hütte“ und welche beim Wort „Haus“?

Ich etwa denke bei Hütte an Schnee, Kaminfeuer, Geruch nach Holz und Gemütlichkeit, bei Haus eher an Sonne, Stiegen, Garten und Weitläufigkeit. Jeder von uns hat eigene Bilder, dennoch sind diese auch kulturell geprägt. Jemand, der aus Indien stammt, wird eine andere „Hütte“ vor Augen haben als jemand aus Hawaii – und beide Bilder werden sich gravierend von denen unterscheiden, die uns in den Sinn kommen. 

Jeder von uns hat eigene Bilder, die kulturell geprägt sind.

Fremdsprachen lernen im Kontext

Wenn wir Fremdsprachen lernen, fehlen uns oft die Assoziationen zu Worten, da wir sie zwar vom Sinn her erfassen, aber nicht im kulturellen Kontext. Ein Beispiel dafür wären die französischen Worte „chambre“ und „pièce“ für Zimmer, die zwar gleich übersetzt werden können, die aber eine ganz andere Idee vermitteln.

Am besten also, man lernt mit den Vokabeln den Kontext kennen, was am besten gelingt, wenn man die Sprache in Filmen, Liedern oder im Land selbst hört. Oder aber man beschäftigt sich mit dem Ursprung von Worten. Das ist in den meisten Fällen ein sehr theoretischer, ja fast wissenschaftlicher Zugang – es sei denn, die Sprache selbst bietet Anhaltspunkte. Ostasiatische Sprachen sind dafür ein wunderbares Beispiel.

Von japanischen Elefanten und Hainen

Als ich Japanisch lernte, war ich anfangs von den Schriftzeichen heillos überfordert. Die Zeichen für die einzelnen Silben werden durch rund 2000 sogenannte Kanji ergänzt, die für einzelne Worte stehen und die sich ihrerseits wieder verbinden lassen. Was einen ziemlichen Lernaufwand darstellt, entpuppt sich bald auch als fast detektivisches Vergnügen, weil sich dahinter eine eigene Philosophie verbirgt:

Manche Zeichen sind Abbilder dessen, was sie bedeuten. Beim „Elefanten“ etwa lassen sich unschwer Körper, Beine, Kopf und Rüssel erkennen. Manchmal gibt es auch klar erkennbare Bestandteile, die immer wiederkehren, so etwa das Dach. Das Kanji für Restaurant ist logischerweise eine Kombination aus „Dach“ und „Essen“.

Mit ein bisschen Phantasie erkennt man auch das Zeichen für „Baum“. Der Hain besteht folgerichtig aus zwei Bäumen, der Wald aus drei. Eine sehr lebendige Bilder-Sprache.

Bilder-Sprache

Kanji-Logik

Doch auch bei sehr weit gefassten Begriffen helfen uns die Bilder weiter, etwa bei „Liebe“: Wenn ich jemanden oder etwas liebe, so kann ich entscheiden, ob ich das Zeichen bestehend aus Frau und Kind verwende, jenes, in dem das Herz erfasst wird, oder jenes, in dem Herz und rot kombiniert sind. Hier stellen die unterschiedlichen Kanji eine klare Steigerung der (körperlichen) Intensität dar. Manche Zeichen hingegen sind zwar logisch, aber nicht mehr zeitgemäß: Dass früher Gefangenen grausam gefoltert wurden, zeigt sich etwa beim Bild für „nehmen“, das aus dem Ohr und der Hand besteht.

Auch die Zusammensetzung von Zeichen folgt oft einer Logik. So wird schon im Schriftbild deutlich, dass sich Japan als „Ursprung der Sonne“ sieht – nichts anderes bedeutet Nihon“. Und „Auto“ besteht zum Beispiel aus den Zeichen für „selbst“, „sich bewegen“ und „Rad“. Logisch, oder?

Natürlich ist es nicht immer so einfach: Nicht jede Bedeutung erschließt sich aus dem Bild, oft sind es abstrakte Kombinationen und noch dazu haben die meisten Kanji mehrere Sinninhalte und Lesungen. Dennoch eröffnen sie einen ganz anderen Zugang zu Sprache und laden zum Assoziieren ein.

Bilder in anderen Sprachen

Die meisten anderen Sprachen bieten zwar keine konkreten Bilder, aber abstrakte. Haben Sie schon einmal über Worte wie „Rauchfang“ nachgedacht oder sich auf die Suche nach dem Ursprung von „Belletristik“ gemacht? Und denken Sie an die vielen Redewendungen wie „jemandem sein Herz ausschütten“ oder „über sich selbst hinauswachsen“. Sprache bedient sich immer Bildern – und sich diese bewusst zu machen und gezielt einzusetzen, macht Spaß.

Martin Weber

Wortbildung

Arge Leute

Über den Autor

Mag. Martin Weber hat Sprachen (Französisch und Japanisch) studiert und ist seit mehr als zwanzig Jahren als Kommunikationstrainer tätig. Er bietet über "Wortbildung" sowie "Arge Leute" Verschiedenes zum Thema Kommunikation an. Zuvor war er lange Zeit als Nachhilfelehrer bei "Der Pauker", der Schwesterfirma von bildungsraum, tätig.

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(2) Kommentare

Nikole 2. März 2015

Interessanter Artikel. Darüber habe ich mir noch nie konkret Gedanken gemacht.

antworten
    Birgit Bauer 2. März 2015

    Danke für dein Kommentar, Nikole! Es ist auch spannend, wie schwer es fällt das Wort „Apfel“ auszusprechen ohne an einen Apfel zu denken …;-) Liebe Grüße Birgit

    antworten
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